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Berlin, Dienstag, 29. Februar 2000, Seite 8
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Eichmanns Tagebücher nicht länger geheim
[Kommentar]
Israel gibt die Memoiren des 1962
hingerichteten Nazi-Verbrechers frei – Ab heute im
Staatsarchiv einsehbar
Von Norbert Jessen
Jerusalem – Lebenserinnerungen, die der
Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann vor seiner Hinrichtung im israelischen Gefängnis niederschrieb, liegen vom heutigen DIenstag an im israelischen Staatsarchiv der
Öffentlichkeit zur Einsicht vor. Am Sonntag fällte der Rechtsberater der Regierung, Eliakim Rubinstein, die Entscheidung zur Freigabe der Schrift, die seit 1962 von den Behörden in Israel unter Verschluss gehalten wurde.
Die seit Monaten ausstehende Entscheidung wurde dringend, da die
Verteidigung der Historikerin Deborah Lipstadt um
Einsicht in die Schrift bat. Bis Ende dieser Woche hat sie noch Zeit, ihre Argumente dem Londoner Gericht vorzulegen.
Dieses soll über die Frage entscheiden, ob Lipstadt den
Geschichtsforscher David Irving zu Recht als
Holocaust-Leugner eingestuft hat. Wie die
WELT erfuhr, wurde der Verteidigung das Dokument bereits per e-Mail übermittelt.
Auch der
Kläger Irving hatte das Material angefordert, um seine eigene These zu stützen. Irving bestreitet die Morde an den Juden nicht, bezweifelt aber die Zahl der Toten. Er geht davon aus, dass auch Eichmann keine direkte Beziehung zwischen der”Endlösung”, dem SS-Plan zur Vernichtung des Judentums, und Adolf Hitler herstellen kann. Hitler soll, so Irving, über diese Pläne bis zum
Kriegsende nicht informiert worden sein.
Nach israelischen Quellen sind in den Aufzeichnungen
Eichmanns keine sensationellen Enthüllungen enthalten.
Auf über 1100 Seiten in enger Sütterlin-Schrift versucht Eichmann seine Rolle als bloßer”Befehlsempfänger” herunterzuspielen.
Daneben schweift er in langatmige”philosophische
Betrachtungen” aus. Dabei spricht er jedoch wiederholt von der”Judenvernichtung”, erklärte der Holocaust-Forscher
Jehuda Bauer auf Anfrage der
WELT.
Eichmann bezeichnet sie ausdrücklich als”das größte Verbrechen in der menschlichen Geschichte”. Laut Bauer schreibt Eichmann auch von den “Gaswagen”, in die Juden gepfercht wurden, um sie mit Auspuffgasen zu ermorden. Dies war die Vorstufe zur
Massenermordung mit Zyklon-B-Gift in den Gaskammern der
Vernichtungslager.
Die angesehene Tageszeitung
“Haaretz” meldete am Montag, die Schrift beinhalte mehrere Hinweise darauf, dass die
Judenvernichtung Hitler bekannt war. Auch nach einer Meldung der Zeitung “Jedioth” wird in Eichmanns Aufzeichnungen das
Ausmaß der Ermordung der Juden überall in Europa deutlich.
Ursprünglich war die Veröffentlichung bereits angekündigt worden, nachdem der israelische Journalist und Historiker Tom Segev im vergangenen Juli auf die vergessenen Dokumente aufmerksam gemacht hatte. Geplant war eine wissenschaftliche Ausgabe mit Kommentaren und
Erläuterungen. Historiker hatten aber eine unkommentierte Ausgabe gefordert.
Nach israelischem Gesetz liegen die Rechte einer
Veröffentlichung ausschließlich bei den rechtmäßigen Erben Eichmanns. Daher geht ein
Exemplar auch dem Eichmann-Sohn Dieter zu, der bereits juristische Schritte gegen die Herausgabe der
Schrift eingeleitet hat. Das Staatsarchiv verweigerte am
Montag jeden Kommentar zur Freigabe. Informierte Akademiker wissen jedoch bereits, dass die Handschriften in die lateinische Schreibweise transkribiert wurden.
Selbst die meisten Fachhistoriker hatten Schwierigkeiten, die
Sütterlin-Schreibweise zu lesen.
Die Verleumdungsklage
David Irvings gegen Deborah Lipstadt und ihren
Penguin-Verlag wird von der israelischen Presse nur sporadisch verfolgt. Israelische Beobachter in London sind entsetzt darüber, dass vor allem britische Neonazis mit unverhohlener Genugtuung im Gerichtssaal sitzen.
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Berlin, Dienstag, 29. Februar 2000
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