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Historical Documentation Notice

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Posted Friday,
August 27, 1999


Alphabetical
Website index (text)

In August
1999 Die Welt
serialised
extracts from a 1962 Eichmann manuscript.
ACTION REPORT reproduces those excerpts
here as a service to
historians

2:
Eichmann über seine Arbeit beim
„Sicherheitsdienst des
Reichsführers SS”

Fortsetzung der Dokumentation seiner
Aufzeichnungen — Zum Besuch Goebbels:
„. . .Es war der Saal mit dem Sarg und Totengerippe”

Die WELT setzt heute ihre Dokumentation der Erinnerungen Adolf Eichmanns fort.
Nachdem er seinen Weg zu NSDAP und SS schilderte, beschreibt Eichmann jetzt seine Tätigkeit beim
Reichsführer SS, Heinrich Himmler.
Der Text wird mit minimalen Kürzungen (etwa bei unleserlichen Worten) und ohne orthografische, syntaktische oder stilistische Korrekturen abgedruckt.

Am ersten Tage, der Aufnahme meiner nunmehr beruflichen Tagesarbeit (im
„Freimaurermuseum” des SD — Anm. d.
Red.) wurde ich zwecks Vereidigung zu meinem unmittelbaren damaligen
Vorgesetzten, einem
SS-Untersturmführer Petersen aus
Hamburg, geführt.

Mit meinen Dienststiefeln hatte ich
Mühe auf dem tadellos gebohnerten
Parkettfußboden nicht auszurutschen, besonders, wenn es um Ecken ging, wobei bei einer solchen ein Sarg, in dem ein menschliches Skelett lag, plötzlich vor mir stand, sowohl der plötzlich gesehene offene Sarg mit dem Totengerippe, als auch das Bemühen halbwegs ordentlich über das Parkett zu kommen, machten mir zu schaffen.

Ich wußte nicht genau, wo ich
überhaupt war, denn meine
Vorstellungen über den SD waren bisher grundsätzlich andere gewesen.
Die Säle waren groß und ich weiß es noch, daß mich auf einmal eine sehr forsche Kommandostimme irgendwie in Empfang nahm. Ich wurde vereidigt, Treue, Gehorsam,
Verschwiegenheit. Später hatte ich einen „Revers” zu unterschreiben; dies war die Dienstverpflichtung.

Kurz vorher schon hatte ich ebenfalls einen Fahneneid geleistet, als der
Reichspräsident v. Hindenburg starb.
Noch in derselben Nacht nach seinem Tode, wurden wir in München an der
Feldherrenhalle, bei Fackelschein, mit
Stahlhelm ab und Schwurhand hoch zum
Nachsprechen der Eidesformel, zwecks
Vereidigung auf den „Führer und
Reichskanzler”, auf Volk und Vaterland, aufgefordert.

Viel Zeit irgendwelche Betrachtungen anzustellen hatte ich nicht, denn nun kam ich in einen großen Saal, in dem eine ganze Menge von gleichartigen
Karteitrögen aufgestellt war. Die
Aufgabe: Einordnen der Karteikarten nach dem Alphabet. Eine Arbeit, bei der ich nach dem Mittagessen, in der ersten Zeit stets in tiefsten Soldatenschlaf verfiel.
Bei der Truppe war es Befehl, sich nach dem Mittagessen bis zum Ende der
Mittagspause um 2 h nachm. auf das Bett zu legen und zu ruhen.

Jetzt sah ich, daß ich mit meinem Abgang von der
Truppe sicherlich einen Fehler gemacht hatte und träumte trauernd der schönen Kasernhofdienstzeit nach.
Denn ich befand mich zwar beim
Sicherheitsdienst des Reichsführers
SS, aber im SD-Hauptamt, und zwar in der
„Freimaurerabteilung” des Amtes
„I”, Dem Amt Information. Amtschef
„I” war ein SS-Sturmbannführer
Brand (Maximilian Brand — Anm. d.

Red.), ein glatzköpfiger, wohlwollender Herr und sein Stabsführer der bereits genannte SS-Untersturmführer
Petersen, wegen seiner scharfen, kurzen
Kommandostimme damals bei uns
Karteikartensortierer weniger beliebt.
Meinen damaligen Chef, SS-Stubaf. Brand, sah ich einige Jahre später, anläßlich des Besuches des
Reichssicherheitshauptamtes, wie es später hieß, wieder.

Er war inzwischen zum Polizeipräsidenten von
Graz bestallt, sowie der ehemalige
Gauleiter von Oberösterreich, (Andreas) Bolek, Polizeipräsident von
Magdeburg wurde.

In diesem Amte I, zu dem außer der Karteikartensache noch ein Museum, dem auch der am ersten Tage meines Dortseins gesichtete Sarg zugehört angegeliedert war, sowie ein Archiv und eine gewaltige Bibliothek, lernte ich in den ersten Tagen noch den wissenschaftlichen Sachbearbeiter des
Amtes I, einen Prof. Schwarz-Bostounitsch (gemeint ist Gregor Schwartz-Bostounitsch
— Anm. d.

Red.) kennen, einen gutmütigen SS-Hauptsturmführer mit Mephistogesicht zwar, das ihm sein spitz zugeschnittener Knebelbart verlieh.
Er war völlig taub und man mußte ihm alles auf einem
„Wischblock” aufschreiben, (Hier streicht Eichmann — Anm. d. Red.) worauf er mit seiner dröhnenden
Baßstimme mit stark russischem
Akzent antwortete. (Ende Streichung) In früheren Jahren war er einmal
Verteidiger am Appelationsgerichtshof in
Kiew.

Er selbst hatte eines oder mehrere
Bücher über Freimaurerei geschrieben und galt als der anerkannte
Fachmann auf diesem Gebiete.

Das Archiv führte um jene Zeit ein
SS-Unterscharführer Dieter Wisliceny, ein korpulenter junger Mann, dem seine
Uniformen stets zu eng waren. Das Museum leitete ein SS-Oberscharführer
Richter aus Berlin, der einige Semester an einer Berliner Fakultät verbrachte, aber seit der „Machtergreifung” nicht mehr zum Weiterstudium kam.

Die Bibliothek führte ein junger Berufsbibliothekar, dessen Namen mir entfallen ist, der ob seiner völligen Weltfremdheit oftmals das Ziel mehr oder weniger harmloser
Streiche seitens seiner Kameraden war.

Mein Karteikartenchef war ein
Tischlersohn aus Berlin, ein
SS-Oberscharführer Bolte oder so
ähnlich. Er kümmerte sich fast gar nicht um uns, sondern schrieb, hinter seinem Schreibtisch sitzend, den ganzen
Tag neue Karteikarten aus irgendwelchen freimaur. Mitteilungsblätter, heraus.
Vierzehn Tage etwa, so habe ich es heute, nach nur 24 Jahren, noch in Erinnerung dauerte das „Feinsortieren”, da wurde ich vom Karteisaal in das Museum gesteckt.

SS-Oberscharführer Richter, (die folgende Passage ist gestrichen — Anm. d.
Red.) den wir Museumsdirektor nannten, was er meist mit grimmiger Miene quittierte, erzählte mir ab nun wöchentlich mehrmals stets irgend eine seiner
Erinnerung aus seiner Studentenzeit, von
Kneipen, Kommersabenden, Landesvater,
Pauken und Mensuren; er erging sich stets reminiszierend seiner offensichtlich viele
Semester dauernden Angehörigkeit zu einer „schlagenden Verbindung”, denn er war Waffenstudent.

(Ende Streichung) wies mich in mein neues Aufgabengebiet ein. Ich hatte freimaurerische Münzen und Siegeln, die in großer Menge
überall in einem heillosen
Durcheinander im „Kabinet des
Museumsdirektors” herumlagen, zu ordnen, die Siegel auf weißen Karton, den ich dann fein säuberlich nach
Ursprung und sonstigen Daten zu beschriften hatte, aufzukleben. Die ganze
Sache wurde dann katalogisiert, wobei mir sehr zustatten kam, daß ich einmal zwei Jahre Lateinunterricht hatte.

Während des Herbstes und Winters
1934/35 saß ich in einem früheren Empfangszimmer des
Hohenzollernpalais, denn um ein solches handelte es sich, um das Haus
Wilhelmstraße 102, mit Blick auf die
Wilhelmstraße. (Beginn Streichung —
Anm. d. Red.)

Das Einerlei der Arbeit wurde nur unterbrochen, wenn ein
Vorgesetzter durch dieses Zimmer ging, dann hatte ich, wie dies mir selbstverständlich war, aufzustehen, meine Arbeit unterbrechend, Haltung anzunehmen und die Meldung
„SS-Unterscharführer Eichmann bei der Arbeit” herunter zu schnarren.
Sehr erfreuliche Unterbrechungen für mich waren die täglichen
Reinigungsbesuche eines SS-Mannes, der mit
Besen, Staubtuch und Bohnermaschine für Reinlichkeit und Bodenglanz zu sorgen hatte.

Da praktisch der Boden ewig sauber und glänzend und das bis- chen
Staub kaum zu sehen war, hatte er stets viel Zeit, das „Neueste” zu berichten. Er war früher Friseur von
Beruf. Meines unmittelbaren Vorgesetzten
Richters Besuch, waren selten und wenn wurde das Gespräch nach kurzen
Augenblicken von ihm, auf seine
Studentenzeit gebracht. Mittags 1 Uhr zog die Wachablöse mit Musik durch die
Wilhelmstraße am Palais vorbei.

Regelmäßig bei der Ecke
Kochstraße — Wilhelmstraße wirbelte der Tambourmajor seinen
Tambourstab hoch in die Luft und ich wartete immer darauf, daß er einmal, seinen auffangenden Händen entgleitend, zu Boden falle. Aber er fiel nicht. (Ende Streichung)

Inzwischen füllten sich die Sie-
gelausstellungskästen und die
Münzenvitrine. Einige Male in der
Woche waren Besichtigungen angesagt; so diese tagsüber stattfanden, hatten wir nichts dagegen. Leider aber hatte unser höchster Vorgesetzter der
Reichsführer SS-Himmler die
Gewohnheit, seine Gäste in der Regel um (…) etwa 8 — 1/2 9 abends zu bringen. Das hieß für uns dann so lange Dienst schieben, bis der Besuch aus dem Hause war.

Ich saß mit meinen Münzen und Siegeln im sogenannten Johannissaal, ich glaube, wenn ich mich nicht irre war es wie man sagte der III. Grad der Johannisfreimaurerei. An einer Wand des großen und hohen, sauberen und lichten Zimmers war
Baldachin, Stuhl, Tisch, Teppich, zwei
Säulen, das ganze mit Seidenstricken abgesperrt, aufgestellt. Auf dem Tisch lagen Hammer und Winkel, dekorationshalber noch ein Freimaurerschurz und ein
Totenschädel.

Eines Tages kam der Reichsminister für Volksaufklärung und
Propaganda Goebbels zur Besichtigung, von
Himmler oder Heydrich geführt, ich weiß es nicht mehr. Ich weiß
nur, daß er dauernd mit dem Kopf schüttelte. Er begab sich dann in den sogenannten Andreassaal, ähnlich wie das Zimmer, indem ich zu arbeiten hatte, (Beginn Streichung — Anm. d.

Red.) nur dominierte in meinem Zimmer mehr das Blau, während im Andreassaal das Rot verherrschte! es war der Saal mit dem Sarg und Totengerippe; Freimaurerschürzen aller Art hingen in Vitrinen,
Photographien von Logen und Feldlogen; (…) während des 1. Weltkrieges.
Hier arbeitete ein Kamerad von mir, ein unverfälschter Münchner, dessen einziges Bestreben es war, irgendwie wieder nach München zu kommen. (Ende
Streichung)

An einen anderen prominenten Besuch entsinne ich mich noch; es war der
Reichsmarschall Goering. Ebenfalls geführt von Himmler oder Heydrich.
Erst saß er mit einer
Gesäßhälfte auf einem Eck meines Schreibtisches, sodann legte er seine Zigarre in meinen Aschenbecher und begab sich auf den Stuhl hinter dem Tisch, nahm den Hammer und schlug einige Male laut und mächtig damit auf den Tisch.

Er war fröhlicher Laune, und seine hohe Umgebung strahlte ebenfalls nur
Freude und Sonnenschein aus. (Beginn
Streichung — Anm. d. Red.) Bei seinem
Abgang zum Andreassaal vergaß er seine Zigarre, die ich — obwohl kein
Zigarrenraucher — mir selbst einmal vorknöpfte und probierte welches
Kraut wohl der Reichsmarschall sich genehmigte. (Ende Streichung)

Eines Abends kam von Heydrich geführt Julius Streicher, der
„Frankenführer”, zur
Besichtigung. Im Karteisaal meinte er wohlgelaunt so etwa ähnliches wie
„wollen wir doch mal sehen, ob Sie
Freimaurer waren”. Der Angesprochene gehörte zu seiner Begleitung. Ein
Name fiel und irgendjemand zog eine
Karteikarte. Er war Freimaurer.

Die
Besichtigung war zu Ende, wir konnten die
Säle verlassen und bemühten uns (…) schleunigst in einen Bierkeller der um die Ecke in der Anhalterstraße lag, wo der Teller Erbswurstsuppe 35
Pfennig, die dazu verzehrten Brötchen nichts und jeder 1/2 Liter Bier 45 Pfennig kostete. (Beginn Streichung — Anm. d.
Red.) Der Kellner war Angehöriger der allgemeinen SS und packte uns beim
Aufbruch jeden noch eine Tüte knuspriger Brötchen ein, die ohnedies nichts kosteten. (Ende Streichung)

Wehrmachtsangehörige, meist irgendwelche Stäbe,
Hoheitsträger der Partei,
SA-Führer, Hitler-Jugend und MdM wechselten ab in den Besichtigungen. Diese wurden geführt von SS-Hptstuf. Prof.
Schwarz-Bostounitsch, der dann in seinem gewaltigen, urigen Baß,
Aufklärung über die Freimaurerei gab. (Beginn Streichung — Anm. d. Red.)

Wobei niemals gewissermaßen als
Höhepunkt fehlen durfte, daß
die Verderblichkeit am besten damit dementiert werden könne, „das
Goethe, das rote Bändchen der franz.
Ehrenlegion im Knopfloch, seinem Sohn Karl
August den Eintritt in das Lützowsche
Jägercorps verbot.” Ich hörte diesen Satz dutzendemale, als er aber von mir, heute nach soviel Jahren noch ganz richtig wiedergegeben wurde, weiß
ich nicht genau, aber es wird wie wir damals sagten „in etwa hinhauen”.

Eine
Weihnachtsfeier mit Himmler

Fortsetzung der Dokumentation der
Erinnerungen Adolf Eichmanns (Teil 5)

Die WELT setzt heute ihre Dokumentation der Erinnerungen Adolf Eichmanns fort. Er beschreibt eine Weihnachtsfeier mit
Himmler und Heydrich und seinen Wechsel in das Referat „Judentum”. Der Text wird ohne orthografische, syntaktische oder stilistische Korrekturen abgedruckt.

Auch SS-Oberscharf. Richter führte ab und zu; und wenn er führte, bekam er vor Aufregung knallrote Wangen, auf denen sich alsbald noch rötere, ins
Dunkel gehende Pickelchen bildeten. Er war in solchen Augenblicken mit seinen
Untergebenen, zu denen auch ich gehörte, über die Maaßen ungnädig und militärisch kurz angebunden, sehr den hohen Vorgesetzten hervorkehrend, obwohl er noch nirgendwo bislang auch nur eine einzige Stunde in irgend einer Kaserne verbracht hatte.

Anfänglich ärgerte ich mich, dann war es mir gleich; zumal seine
Führungen ohnedies jeweils nur kurze
Zeit dauerten, sehr im Gegensatz zu denen von Schwarz-Borstounitsch, der von sich aus nie ein Ende fand und wenn er nicht von einem seiner Vorgesetzten einige Male den Bremsschuh angelegt bekommen hätte, er hätte auf alle
Fälle so lange gesprochen, bis der letzte Besucher von selbst fortgegangen wäre.

Taub war er und, wenn er sprach, dann hielt er seinen mächtigen Kopf so weit nach rückwärts gebogen, daß
sein Bart parallel zur Zimmerdecke oder wenn man will zum Fußboden lag.
Dabei schloß er die Augen. Also sah er auch nichts mehr. Nur sprechen hörte man ihn und sah ihn mit seinen gewaltigen Armen in der Luft herumrudern.

Als vorgesetzter SS-Führer war er für uns höchst harmlos, der in keinster Weise zu fürchten war und dem es ganz gleich zu sein schien, ob wir ihm irgend einen der ihm zustehenden militär. Respekte zukommen ließen oder nicht. Danach sah er auch aus, wenn er Uniform trug; ob sein
Koppel schief saß, oder Knöpfe des Rockes nicht zugeknöpft waren, interessierte ihn nicht. Einmal kam er von seiner Wohnung sogar ohne das Koppel umgeschnallt zu haben zum Dienst.

Er war von uns kleinen Leuten wohl stets gelitten. (Ende der Streichung im
Manuskript)

Den Höhepunkt meiner damaligen
Museumstätigkeit bildete das
Weihnachtsfest 1934 im SD-Hauptamt,
Julfest genannt.

Himmler selbst lud die etwa 100
Angehörigen des damaligen
SD-Hauptamtes dazu ein. Stundenlang vorher räumten wir den Karteisaal aus, brachten Tische, die wir mit sauberen
Leintüchern unserer Betten bedeckten, andere schmückten den Julbaum,
Rotweinflaschen und Gläser, sowie
Backwerk wurden auf die Tische gestellt und dann wurde gewartet. (Beginn
Streichung, d. Red.)

Die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens sagten wir uns und machten uns schon
über die Weinflaschen her. (Ende
Streichung) Mit einigen Stunden
Verspätung kam dann auch die hohe
Führerschaft. Es kam Himmler mit seiner Ehefrau, der frühere
Bauernführer und jetzige
Reichsernährungsminister Walter
Darré, sowie eine große Suite von hohen SS Führern und unser damaliger unmittelbar höchste
Vorgesetzte Heydrich. (Beginn Streichung, d. Red.)

Manche Rotweinflecke auf dem weißen Leinen zeigte, daß
Voreilige zu denen auch ich gehörte den Anfang nicht erwarten konnten, doch ging wieder einmal alles gut ab. (Ende
Streichung) Wir erhielten ein
Buchgeschenk. Ich bekam die „Rote
Beeke” von Hermann Löns, dem
Heidedichter, in welches ich mir im Laufe des Abends von Reichsminister Walter
Darré eine Widmung schreiben ließ. Frau Himmler sah ich zum ersten und gleichzeitig zum letzten Male.

Sie war eine über alle Maaßen einfach gekleidete, sehr natürliche und sympathische Frau, so zwischen 40 und
50 schätze ich und eher als Ehefrau eines begüterten Bauern erscheinungsbildlich aussehend.

Es ging sehr ungezwungen, ja man könnte sagen kameradschaftlich zu, doch hüteten wir niederen Dienstgrade uns, unseren Mund aufzumachen, es sei denn, man zog uns gnädig ins
Gespräch. Und dann war auch dieser
Abend vorbei.

Anfang 1935 war dann eines Tages ein
SS-Untersturmführer von Mildenstein in meinen Johannissaal gekommen, in
Begleitung eines Zivilisten, den ich nicht kannte. Mildenstein kannte ich vom sehen aus, er war in irgend einer anderen
Abteilung tätig. Er frug mich dies und jenes und so gut und schlecht ich konnte, gab ich ihm Auskunft, die natürlich zur Gänze aus dem, anläßlich der vielen
Besichtigungen von mir Aufgeschnappten, bestand.

Plötzlich sagte er mir, daß
er im SD-Hauptamt ein neues Referat
Judentum aufgezogen habe, er sei Referent und ob ich nicht Lust hätte zu ihm als Sachbearbeiter zu kommen. Froh, der ewigen Münzen und Siegelsortiererei entrinnen zu können sagte ich zu.

Richter, der SS-Oberscharführer, mein vorgesetzter Museumsdirektor, tobte mit mir, als ich es ihm meldete, aber es war geschehen und eines Tages wurde ich formlos versetzt, es war ja nur eine
Versetzung von einer Abteilung des SD
Hauptamtes der ich in untergeordneter
Tätigkeit angehörte, in eine andere, in der ich ebenfalls nur als
Sachbearbeiter tätig zu sein hatte.

Eines Tages morgens um 1/2 9 h früh meldete ich mich dann zum Dienst beim Referenten II 112,
SS-Untersturmführer von Mildenstein.
Er war Österreicher, irgendwo aus der mährischen Ecke während der alten k.u.k. Monarchiezeit gebürtig, und im Zivilberuf Diplom-Ingenieur.

Ein
Mann, dem jedes militärische
Auftreten fehlte, der mit leiser, sympatischer Stimme gleichförmig dahinfließend sprach, was er von sich zu geben hatte und der fast den ganzen Tag mit dem Zeichnen von graphischen Darstellungen über den
Aufbau des internationalen Judentums in organisatorischer Hinsicht, den Aufbau der zionist. Weltorganisation, der asimilator.

Richtung des Judentums, soweit diese
überhaupt organisatorisch in irgendwelchen kleinen Grüppchen als solche erkannt werden konnte, und dergleichen Zeichnungen mehr beschäftigt war. Teils hingen solche schon, auf Pappe aufgezogen an den
Wänden, teils waren sie noch in
Arbeit und sollten dann den Wandschmuck ergänzen.

Ein Zeichner namens Paul Dormann, ein
älterer mit Zahnlücken versehener SS-Unterscharführer aus dem Brandeburgischen, wenn ich mich noch recht entsinne, zeichnete dann das von
Mildenstein Entworfene fein säuberlich ab. Ein sehr junger Mann, ebenfalls SS-Unterscharführer um jene
Zeit, war gewissermaßen die
„rechte Hand” des Referenten von
Mildenstein, er hieß (Kuno)
Schröder.

Zwei SS-Männer, sowie eine männliche Schreibmaschinenkraft, ebenfalls ein SS-Mann, vervollkommten die damalige Belegschaft des „im Aufbau” begriffenen Referate. Die beiden
SS-Männer waren Hamburger, der
Schreibmaschinenschreiber Pfälzer.
Viel Arbeit schien es nicht zu geben und jeder war offensichtlich froh, wenn die unendlich lange dauernden täglichen acht Stunden Dienstzeit vorbei waren.

Mir drückte der Referent von Mildenstein ein dickes Buch „Der Judenstaat” von (Adolf) Böhm in die Hand, zum
„Studium und zum Zusammenfassen des
Wesentlichen, in Extraktform”. Dieses
Wesentliche sollte dann in einem sogenannten SS-Leitheft Niederschlag finden.

Es muß um die selbe Zeit eine
Reorganisation im damaligen SD-Hauptamt vor sich gegangen sein, denn ein neuer
Amtschef, ein SS-Standartenführer Dr. (Hermann) Behrends, war nun auf einmal
Amtschef I des SD-Hauptamtes, dessen Chef
SS-Gruf. Heydrich war. Der
Stabsführer des Amtschefs I war ein
Jurist, ein SS-Hauptstuf. Hartmann. Diesem
Amt gehörten die Referate
„Kirchen” mit dem Referenten
SS-Ustuf. (Albert) Hartl, einem ehemaligen röm. kathol.

Priester, sowie
„Kommunisten”, dem ein ehemaliger
Lehrer und nunmehriger SS-Ustuf. Wolf als
Referent vorstand.

„Erstmals in meinem Leben hörte ich von einem
Judenstaat”

Adolf Eichmann beschäftigt sich mit dem Judentum — Fortsetzung der
Dokumentation seiner Erinnerungen

Eichmanns Aufzeichnungen – Die WELT setzt heute ihre Dokumentation der
Erinnerungen Adolf Eichmanns fort. Er beschreibt seine Arbeit im Referat
„Judentum”, wo Eichmann erstmals von den Bemühungen Theodor Herzels erfährt, einen Judenstaat zu gründen. Der Text wird ohne orthografische, syntaktische oder stilistische Korrekturen abgedruckt.

Um diese Zeit herum muß ich wohl auch zum ersten mal im SD-Hauptamt rangmäßig befördert worden sein und zwar zum nächsten Rang. Es gesellte sich zu dem Stern auf dem
Kragenspiegel ein silberdurchwirkter
Balken; nachdem die SS-Ränge denen des Heeres bzw. der Wehrmacht angeglichen waren, wäre mein Rang nunmehr der eines Feldwebels gewesen. Der
Kragenspiegel mit dem SS 1 verschwand auch, dafür trug der
SD-Angehörige einen solchen ohne jede
Initiale bezw.

Distingtion, jedoch am linken Ärmelaufschlag ein Band mit der Aufschrift „SD-Hauptamt” und darüber die SD-Raute.

Ich machte also während des
Dienstes nunmehr meinen befohlenen Auszug und unterschied, wie dies ja das Buch es selbst auch tat, zwischen der
„Zionistischen Weltorganisation” und der „Neuzionistischen”, samt ihren
Organisationen und Fonds. Erstmals
überhaupt in meinem Leben laß
und hörte ich derartiges.

Die
Bemühungen des Judentums, bzw. deren
Führer wie Theodor Herzl, Wladimir
Jabotinsky usf. zur Erlangung einer jüdischen Heimstätte, zur
Erlangung eigenen Bodens, kurz zur
Wiedererlangung eines eigenen Raumes.

Sehr zu statten in meinen Arbeiten, die mir aufgetragen waren, war der häufige Besuch eines Zivilisten, den ich alsbald als einen Freund meines
Referenten, als einen Herrn Ernst von
Bolschwingh (richtig: Otto-Albrecht v.
Bolschwing), kennen lernte. Er arbeitete sich damals in das hinein, was er dann noch viele Jahre sein sollte, als einen sogenannten „ehrenamtlichen
Mitarbeiter des SD-Hauptamtes”. Als solcher konnte er kommen und gehen, nach freiem Belieben.

Von ihm bezog ich alles wissenswerte, das mir zur Vergrößerung meines diesbezüglichen sachlichen Horizontes schien, sofern ich es nicht durch von
Mildenstein durch Frage und Antwort
übermittelt bekam.

Von Bolschwingh war um jene Zeit eben von einer offensichtlich längeren
Tätigkeit in Palästina nach
Deutschland zurückgekehrt. Mit einem gewissen Bormann, den ich einige Jahre später in Kairo kennenlernte, hatte er sich offensichtlich wirtschaftlicher
Tätigkeit gewidmet.

Er konnte mit
Hilfe seines Freundes von Mildenstein vor allem das Neueste auf dem Gebiet der rein politischen Tätigkeit der verschiedenen Zionistischen Parteien, von
— wie er sagte — der
äußersten Linken bis zur
äußersten Rechten, samt dem zion. Gewerkschaftsleben usf. berichten.

Davon, daß das Judentum, genau so wie andere Völker, sich auch in die verschiedensten Parteien aller
Farbschattierungen teilte, davon hörte nicht nur ich das erstemal, was ja insoferne kein Wunder war, weil ich bis dahin mir über solches nicht ein einziges mal Gedanken machte, sondern allgemein war jedenfalls wohl bei den meisten Deutschen jener Zeit die Meinung vertreten, daß das Weltjudentum ein völlig homogener Block wäre, der von einigen wenigen, unbekannten
Führern gelenkt und

planmäßig geleitet wurde.

Dies war also — und das war die These meines Referenten von Mildenstein — nicht so und daher übernahm auch ich, als sein Untergebener, als sein Schüler diese Meinung.

Das SS-Leitheft, welches das wesentlichste über das bereits geschilderte aufnehmen sollte, war nach einigen hin und zurück, zwischen
Stabsführer — der auch seine Meinung irgendwie berücksichtigt haben wollte
— und von Mildenstein, der sachlich nichts nachgab, endlich fertig und wurde zwecks Schulungsmaterial an die
SS-Abschnitte und SS-Oberabschnitte der allgemeinen SS sowie an die SD-Abschnitte und Oberabschnitte gesandt.

Es war dies keinesfalls das erste solcher Hefte und sicherlich auch nicht das letzte.

Von Mildenstein verließ uns eines
Tages, um in Nordamerika Autobahnen zu studieren. Einen diesbezüglichen
Auftrag bekam er durch die Dienststelle
Todt, ich nehme an, mit Genehmigung seiner
SD-Vorgesetzten. Wie er dies allerdings zuwege brachte, blieb mir auch später rätselhaft.

Seine bisherige „rechte Hand” (Kuno Schröder), dessen Vater ich bald hätte sein können,
übernahm als Referent das Referat II
112. Aber nur kurze Zeit währte seine
Herrlichkeit, da rief ihn ein
Einberufungsbefehl zur Wehrmacht, warum nicht zur Waffen SS weiß ich nicht.
Er hatte jedenfalls noch nicht gedient und mußte fort.

Etwa gleichezeitig mit seinem Fortgang zog das Referat II 112 auch innerhalb der
Wilhelmstr. 102 räumlich um und zum neuen Referenten wurde SS-Scharführer oder Oberscharführer Dieter Wisliceny bestellt. Gleichzeitig, so glaube ich, kam um jene Zeit als weiterer Sachbearbeiter, ein ebenfalls
SS-Dienstgradmäßig in unserer
Größenordnung stehender Theodor
Dannecker, aus Tübingen. Seine Eltern oder ein Elternteil hatten dort, wie er sagte, ein Handschuhgeschäft.

[Eichmann
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