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Ehrgeiz und Lügen
Der
Irving-Prozess in London hat viele besorgte Beobachter,
unter anderem auch Historiker, die um die Freiheit der
Forschung fürchten
Von Jürgen Krönig
Der Holocaust ist allgegenwärtig.
Überall in der Welt, von Washington über
Manchester bis Berlin, sind Museen und Gedenkstätten entstanden, neue Lehrstühle und Institute eingerichtet worden. Auch in Großbritannien wird man fortan jedes
Jahr am 27. Januar einen “Holocaust Memorial Day” begehen, was in der jüdischen Gemeinde nicht nur auf Beifall stieß.
So warnte der Londoner Rabbi Yitzchak Schochet, den die “Fixierung” seines Volkes auf den Holocaust mit
Sorge erfüllt, ein solcher Gedenktag könne als
Geringschätzung anderer Naziopfer und anderer
Völkermorde gedeutet werden.
Es hätte des Prozesses
Irving contra Lipstadt/Penguinbooks vor einem Londoner
Gericht wahrlich nicht bedurft, um die Aufmerksamkeit der
Welt auf die NS-Verbrechen zu lenken. Dass es zum Prozess
kam, ist letztlich Folge der Entschlossenheit vor allem
jüdisch-amerikanischer Kreise, die Leugner des
Holocaust und ihren “Revisionismus” niederzuringen.
Aus dieser Motivation heraus schrieb die amerikanische
Historikerin Deborah Lipstadt ihr Buch Die Leugnung des Holocaust — der wachsende Angriff auf die Wahrheit und die Erinnerung, in dem sie den britischen
Selfmade-Historiker David Irving als “den gefährlichsten Sprecher der Holocaust-Leugnung” bezeichnete — was dieser als Teil einer “konzertierten, internationalen Aktion” der Verleumdung betrachtet, gegen die er vor Gericht zog.
Die Alternative wäre gewesen, Irving und seine Auftritte vor nordamerikanischen Hassgruppen und europäischen Rechtsextremisten zu ignorieren. Doch hatten sich in den neunziger
Jahren die Stimmen durchgesetzt, die für ein offensives Vorgehen plädierten.
Man wollte den
62-Jährigen, den der linke britische Autor
Christopher Hitchens “einen faschistischen
Historiker, aber auch brillanten Historiker des
Faschismus” nannte, nicht länger mit der
Doppelstrategie davonkommen lassen, bald als akribischer Forscher, bald als Volkstribun der extremen Rechten aufzutreten.
Der
Wunsch, das Spiel zu unterbinden, ist verständlich, aber nicht ohne Risiken, wie sich während des Prozesses im Gerichtssaal 73
am Londoner Strand erweisen sollte.
Der Wunsch, das Spiel zu unterbinden, ist verständlich, aber nicht ohne Risiken, wie sich während des Prozesses im Gerichtssaal 73 am Londoner
Strand erweisen sollte.
Deborah Lipstadts Buch enthielt in der ersten Fassung offenbar nur wenige Hinweise auf Irving, wie Professor
Jehuda Bauer von der Universität Jerusalem 1992
brieflich vermerkte; in dem Schreiben an die Autorin vermisste er die “weltweite Perspektive” wie auch den
Hinweis, dass “Irving heute der Hauptvertreter der
Holocaust-Leugnung in Westeuropa” sei. Lipstadt hat diesen
Hinweis aufgegriffen, woraus Irving vor Gericht sogleich versuchte, Kapital zu schlagen.
Wenn er denn ein so gefährlicher Leugner sei, wieso bedurfte es einer
Erinnerung, ihn ausführlicher abzuhandeln?
David
Irvings Lügen und
Täuschungsmanöver
Nun harrt alle Welt gespannt des Urteils, über dem
Richter Charles Gray seit Wochen brütet. Bereits vor Beginn des Prozesses wurden manche Beobachter von dunklen Ahnungen befallen. Der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem bemerkte, der Holocaust gehöre nicht in einen Verleumdungsprozess vor einem britischen Gericht. Es ist nicht undenkbar, dass sich die bangen Erwartungen erfüllen könnten.
Auf den ersten Blick mag die
Vorstellung unglaublich erscheinen, der Richter
könne auch nur einen Moment lang ernsthaft
erwägen, dass Irving zu Unrecht der
Holocaust-Leugnung geziehen wurde.
Namhafte Historiker haben ihn in umfangreichen Gutachten in Grund und Boden verdammt. Richard Evans spricht in seiner 726 Seiten langen Expertise von “einer Fülle von
Verzerrungen und Manipulationen”. Vor Gericht erklärte er, er habe nie damit gerechnet, auf “solch ein Ausmaß
an kalkulierten, absichtsvollen Lügen und
Täuschungsmanövern” zu stoßen.
Evans, dessen Studie nach dem Prozess wohl von Penguin als Buch veröffentlicht werden dürfte, gilt als einer der besten britischen Historiker der Gegenwart, ist allerdings kein ausgewiesener Spezialist für die Zeit des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust.
Evans weist aber auf einen wichtigen Punkt hin: Weder das Publikum, das
Irvings Bücher lese oder seinen Vorträgen lausche, noch Medienvertreter und breite Öffentlichkeit hätten Zeit und notwendige Kenntnis, um das Netz von
Lügen und Verdrehungen zu durchschauen.
Auch Charles Gray, der zur Elite der Queen’s Counsellors zählte, bevor er zum Richter ernannt wurde, ist kein
Historiker. Allerdings gilt er als Spezialist für englisches Verleumdungsrecht, das in diesem Fall der beklagten Partei — also Lipstadt/Penguin — den Nachweis abverlangt, dass der Kläger — David Irving —
“absichtsvoll” den Holocaust geleugnet habe. Es reicht nicht, ihm antisemitische und rassistische Gefühle und
Auffassungen nachzuweisen.
Das ist in der alten britischen
Demokratie, wo man das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit weit auslegt, nicht per se strafbar. Bezeichnenderweise hat die Regierung erst einmal die Absicht aufgegeben, die
Holocaust-Leugnung zum Straftatbestand zu erklären, nachdem Bürgerrechtsgruppen unter Verweis auf die
Meinungsfreiheit Einspruch erhoben hatten.
Um seine Aufgabe ist Charles Gray wahrlich nicht zu beneiden. Man darf von einem Richter Ihrer
Majestät allerdings in aller Regel erwarten, dass er die gesellschaftlichen und politischen
Implikationen eines Urteils nicht aus den Augen verliert. Die Reaktionen auf ein Urteil zu Irvings
Gunsten kann man sich leicht ausmalen.
Rechtsextremisten würden den Erfolg weidlich ausschlachten.
Die
Reaktionen auf ein Urteil zu Irvings Gunsten kann man sich leicht ausmalen.
Irvings Interpretation des Zweiten Weltkriegs wie des
Holocaust gewänne unweigerlich eine gewisse
Plausibilität, selbst wenn die Urteilsbegründung jeglicher Missdeutung einen Riegel vorschieben würde.
Die
Schwierigkeiten der Urteilsfindung wurden illustriert, als
Irving das Gericht an eine Passage aus seinem Buch Hitler’s
War (1977) erinnerte: “Die Last der Schuld für das blutige und sinnlose Massaker an den Juden liegt bei einer großen Zahl von Deutschen (und Nichtdeutschen), von denen viele noch leben, und nicht bei einem verrückten
Diktator, dessen Befehlen man blind gehorchen musste.”
Dieser Satz könnte beinah aus der Feder Daniel
Goldhagens stammen, dessen These von “Hitlers willfährigen Helfern” von Historikern mit großer
Zurückhaltung aufgenommen wurde.
Muss der Richter sich allein auf die Kernfrage beschränken — ob nämlich Irving ein
Holocaust-Leugner ist? Oder hat er auch die Wirkung von
Irvings Auftritten in Betracht zu ziehen — seine Reden und geschmacklosen Witze über Auschwitz, die dazu beigetragen haben, eine revisionistische Weltsicht zu fördern, die den Massenmord, ob an Juden, Kommunisten,
Slawen oder Zigeunern, zur Legende erklärt?
Irving entpuppte sich im Verlauf der Prozesswochen als eine chamäleonartige Figur, schwer zu fassen, immer bestrebt, mit neuen Interpretationen und überraschenden
Eingeständnissen “unschuldiger” Fehler die Gegenseite ins Leere laufen zu lassen. Hitler habe als Staatsoberhaupt selbstverständlich die letzte Verantwortung getragen, auch für die Massaker an den Juden, betonte er, selbst wenn die “Endlösung” von Himmler, Goebbels und anderen zunächst ohne sein Wissen eingeleitet worden sei.
Irving bestreitet nicht, dass viele Juden umgebracht wurden; er bezweifelt nur die Zahl von sechs Millionen, er behauptet, es habe in Auschwitz keine Gaskammern gegeben, und pocht immer noch geradezu triumphierend darauf, kein
Dokument belege, dass Hitler den Befehl zur Judenvernichtung gegeben habe.
Seine Schriften sähe Irving gern auf eine Stufe gestellt mit den Büchern jüdisch-amerikanischer
Historiker wie Raul
Hilberg, der die Zahl der Holocaust-Opfer auf 5,1
Millionen berechnet hat, und Arno Mayer, der 1988 in
Why did the skies not darken? den Holocaust vor einem
“sektiererischen Kult der Erinnerung” retten wollte und schrieb, “Geschichte bedarf der Revision”.
Die Bitterkeit, mit der auf Mayer wie auf Hilberg reagiert wurde, zeichnete der amerikanische Autor Don D. Guttenplan in der excellenten Analyse The Holocaust on Trial (erschienen im Magazin The Atlantic Monthly) nach, die den Londoner
Prozess wie das weitere Umfeld ohne Furcht vor
Tabuisierungen beleuchtet.
Hilberg gesteht Irving zwar ein
“Recht auf Verantwortungslosigkeit” zu, ohne es gutzuheißen; doch mit dem Folgenden meinte er auch
Irving, der die Existenz von Gaskammern in Auschwitz abstreitet: “Wer die Gaskammern leugnet, verneint nicht nur diesen Teil der Geschichte, er leugnet damit ihr definierendes Konzept. Auschwitz ist zum Synonym für den Holocaust geworden. Es wird, von allem anderen abgesehen, der Tod von mehreren Millionen Menschen geleugnet.”
Der Ehrgeiz Irvings, mit seiner spezifischen Variante des
“Revisionismus” in den Kreis solcher Historiker zu gehören, ist anmaßend. Doch haben prominente britische und amerikanische Historiker sein Werk auch gelobt und
Studierenden zur Lektüre empfohlen.
Als Leumundszeugen für Irving waren Wissenschaftler wie John Keegan
und Donald Cameron Watt nur widerwillig, sub poena, im Gerichtssaal erschienen; sie ließen keinen Zweifel daran, dass sie mit seinen Schlussfolgerungen nichts zu tun haben wollen. Doch ihr Urteil über Irvings
Quellenkenntnis und seinen “unermüdlichen
Forscherfleiß”, so Hugh Trevor Roper, haben sie nicht revidiert.
Auch äußerte Watt den “starken
Verdacht”, dass “Werke bedeutender Historiker die Art der
Hinterfragung nicht überstehen” würden, die
Irvings Arbeit widerfuhr.
Politische Korrektheit und historische Wahrheit
Wie immer Richter Charles Gray entscheidet — Irving wird stets eine exzentrische Nebenfigur der
Geschichtswissenschaft bleiben. Was dem Prozess Brisanz verleiht, ist die Verzahnung mit einer Debatte um den
Holocaust, die letzthin an Schärfe zugenommen hat und in der grundsätzliche Fragen berührt werden. Es gehe eben, wie ein britischer Historiker vermerkte, der es vorzog, namenlos zu bleiben, in dieser Debatte nicht nur um history of politics, sondern auch um politics of history.
Historiker, die über die Vernichtungspolitik der Nazis schrieben, sagt David Welch, Professor für moderne europäische Geschichte an der Universität von Kent in Canterbury und Autor von
Hitler (1998) und
Das Dritte Reich — Politik und
Propaganda (1996), müssten sich “stets der
Ungeheuerlichkeit der Verbrechen wie der Erinnerungen der
Opfer bewusst sein”.
Es dürfe keine Verteidigung des
Holocaust geben. “Aber eine ernste historische Debatte darf nicht beschränkt werden durch rigide politische
Korrektheit. Forscher, die unsere Sichtweise herausfordern und verändern, stehen in einer ehrbaren Tradition der
Wissenschaft.”
Deshalb war John Fox, bis 1995 Chefredakteur des
British Journal for Holocaust
Education, vor Gericht bereit zu bezeugen, dass
Irving in Großbritannien aufgrund einer gezielten
Kampagne keinen Verleger für seine
Goebbels-Biografie finden konnte. Noch 1996 hatten sich
Autoren wie Noam Chomsky und Pierre
Vidal-Nacquet, den Beifall von der falschen Seite nicht scheuend, für Irving eingesetzt, nachdem der englische
Verlag St.
Martin’s Press, offenbar nach Druck von außen, die bereits akzeptierte Goebbels-Biografie fallen ließ.
Viele Historiker scheint die Sorge umzutreiben, die
Geschichtswissenschaft könnte Schaden leiden, wenn sich, wie Neil Ascherson im Observer schreibt, eine
“Schule durchsetzt, die sich darangemacht hat, dogmatische
Versionen des Horrors zu konstruieren”.
Der jüdisch-amerikanische Historiker Peter Novick
hebt in seinem gerade erschienenen Buch Der
Holocaust und die kollektive Erinnerung hervor, wie sehr der Holocaust als historisches Subjekt zurückgetreten sei hinter seine zeitgenössische politische Funktion.
Laut Novick ist der Holocaust ein “retrospektives Konstrukt” geworden.
Es war bezeichnend, dass in der Zeit des Wartens auf das
Urteil von Richter Charles Gray der große alte Mann der britischen Historikerzunft, Eric
Hobsbawm, in einer BBC-Diskussion mit Richard
Evans mit Blick auf die “Nazizeit” eine Mahnung vonnöten hielt: “Wenn wir als Historiker unsere eigene
Zeit behandeln, kann es nicht ausbleiben, dass wir auch von unseren Glaubenssätzen und leidenschaftlichen
Gefühlen geleitet werden, die nicht immer mit den
Regeln
unserer Disziplin zusammengehen.” Es sei notwendig, aber “enorm schwer, uns von unseren starken Emotionen zu emanzipieren”.
Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 15 All rights reserved.
Website fact: The stamina of the defence team is aided by a six million dollar fund provided by the American Jewish Committee, which enables them to pay
21 lawyers and “experts”; the experts like Evans, Longerich, etc. earn £750 (DM2500) per day (while the defence’s star legal team is paid considerably more). Nobody is paying for Mr Irving, who has been fighting this battle for three whole years. [Help!]
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