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Historical Documentation Notice

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DIE britischen Zeitungen dagegen waren sich keineswegs einig über ihre Reaktion auf
Finkelsteins provokante Thesen und widersprachen sich sogar selbst. Am heftigsten war die Debatte im linksliberalen Guardian, der zuerst zwei gekürzte Kapitel des Buches an zwei aufeinander folgenden Tagen abdruckte, danach
Finkelstein als einen ‘Juden, der keine Juden mag’ bezeichnete und ihn mit dem revisionistischen
Publizisten David Irving
verglich.

Berlin,


http://www.berlinonline.de/aktuelles/berliner_zeitung/.html/11artik70.html

Dachau meets
Disneyland

Das
für ein amerikanisches Publikum geschriebene Buch
von Norman Finkelstein über die
“Holocaust-Industrie” provoziert in Deutschland
große Missverständnisse

von Philipp Blom

MIT einem kleinen Buch hat der Historiker und
Rechtstheoretiker Norman Finkelstein einen großen Sturm entfacht. Bei seiner
Veröffentlichung in Großbritannien und in den
Vereinigten Staaten Ende Juli trieb dieser Sturm alle großen Blätter vor sich her. Die Medien in
Großbritannien konnten von
The Holocaust Industry –
Reflections on the Exploitation of Jewish
Suffering
” kaum genug bekommen.

Und nachdem die amerikanischen Zeitungen, zuerst, wie der Londoner Verlegers
Colin Robinson vom Verso-Verlag formulierte, mit
“ohrenbetäubendem Schweigen”, reagierten, veröffentlichte die “New York Times” am vergangenen Wochenende einen scharfen Verriß des
Historikers Omer Bartov.

Die britischen Zeitungen dagegen waren sich keineswegs einig
über ihre Reaktion auf Finkelsteins provokante Thesen und widersprachen sich sogar selbst. Am heftigsten war die
Debatte im linksliberalen Guardian, der zuerst zwei gekürzte Kapitel des Buches an zwei aufeinander folgenden Tagen abdruckte, danach Finkelstein als einen
“Juden, der keine Juden mag” bezeichnete und ihn mit dem revisionistischen Publizisten David Irving
(rechts) verglich.

Missbrauchtes
Andenken

In seiner nur 150 umfassenden Publikation vertritt
Finkelstein die These, das Legat des jüdischen Leidens und das historische Ereignis des nationalsozialistischen
Völkermordes an den Juden werde von einer amerikanisch-jüdischen Elite zur Förderung ihrer eigenen Zwecke missbraucht. Eine “Holocaust-Industrie” vermarkte und missbrauche das Andenken der Opfer.

Diese
Elite, zu der der Autor den World Jewish Congress, das
Simon Wiesental
Center und andere Körperschaften zählt, missbrauche das Leiden der Opfer des Holocaust, um sich zu bereichern, indem sie Geld von Schweizer Banken und der deutschen Industrie “erpresse” und mache sich und den Staat
Israel durch Erhaltung des jüdischen Opferstatus und des “Dogmas” der Einzigartigkeit des Holocaust gegen alle
Kritik moralisch immun.

Finkelstein polemisiert gegen die angeblich überhöhten
Opferzahlen, spricht von Reparationsmissbrauch und hält die Schätzung des jüdischen
Vermögens bei Schweizer Banken für
übertrieben.

Keine dieser Ideen ist neu, nur stammen sie normalerweise von denjenigen, die ihre antisemitischen Vorurteile hinter sachlichen Bedenken verstecken wollen. Deshalb ist es der bedenklichste Aspekt dieses Buches, dass er diesen unbelehrbaren Kreisen ein gefundenes Fressen bietet.
Finkelstein ist sich dieser Tatsache bewusst, wenn auch niemand ihn der Riege der Holocaust-Leugner oder Antisemiten zurechnen kann.

Seine Eltern waren im Warschauer Getto und in Vernichtungslagern, und seine gesamte restliche Familie wurde von den Nazis ermordet.

Auf die Frage nach der Motivation, die dieser Polemik unterliegt, antwortet Finkelstein:

“Meine Kritik erstreckt sich auf drei Ebenen:
persönlich an einer Industrie, die das Leiden meiner
Eltern ausgebeutet und entwertet hat, politisch an einer
Industrie, die dieses Leiden für niedere Zwecke
missbraucht, und historisch, weil ich nicht glaube, dass
man von dieser Erfahrung lernen kann, solange man
innerhalb der Dogmen der Holocaust-Industrie operiert –
Dogmen, die nach politischen Zielen errichtet worden sind
und die verhindern, dass man historische oder

moralische
Lehren ziehen kann.”

Finkelstein ist weit davon entfernt, sich rechten Kreisen in den Vereinigten Staaten und in Europa als Vorzeigejude anzubiedern. Es geht ihm um die Gedenkkultur des (amerikanischen) Judentums selbst. Die Argumente seines
Buches artikulierte Finkelstein zuerst in einer Rezension
über Peter Novicks “The Holocaust and Modern
Memory” in der London Review of Books am 6. Januar
2000.

Novicks fundiertes und sorgfältig argumentierendes Buch artikuliert ein Unbehagen angesichts der politischen Instrumentalisierung des Holocaust in den
Vereinigten Staaten. Obwohl fern von den USA und ohne amerikanische Beteiligung geschehen, sei der Holocaust doch im Bewusstsein Amerikas zum definierenden Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts aufgestiegen und werde durch universitäre Lehrstellen, Museen und
Erziehungsprogramme weiter verstärkt.

Der Ursprung dieser politisierten Erinnerungskultur liegt nach Novick im
Jahr 1967, als die Juden Amerikas während des
Sechstagekrieges begriffen, wie unsicher die Existenz des
Staates Israel war und dass seine Position durch ein bewusstes Verankern des Holocaust in der amerikanischen
Kultur gestärkt werden könne.

Amerikas
Außenpolitik

Finkelstein stimmt dem nicht zu. Zwar sei das Datum richtig, der Grund aber sei nicht bei den amerikanischen
Juden zu suchen, sondern in der amerikanischen
Außenpolitik, die Israel auf Grund des schnellen und erfolgreichen Krieges gerade als starken Bündnispartner sah und sich entschloss, den jungen Staat zu unterstützen.

Diese politische Neuorientierung wurde durch die Ereignisse des Holocaust gerechtfertigt und gab jüdischen Organisationen in den Vereinigten Staaten bislang ungekannten Einfluss in Washington, argumentiert er.
Diese Rechtfertigung aber stütze sich auf eine
Opferidentität aller Juden und auf eine Konzeption des
Holocaust als singuläres historisches Ereignis.

Die historische Einzigartigkeit des Holocaust zu bezweifeln ist ein Sakrileg nicht nur im jüdischen
Kontext. Auch in Deutschland rührt dies an den
Gründungsmythos des deutschen liberalen
Nachkriegsgewissens. Finkelstein geht es nach eigenem
Bekunden darum, dem Leiden seiner Eltern und seiner Familie einen Sinn abzugewinnen. Aber Finkelstein ignoriert, dass die Unmöglichkeit dieser Sinnfindung, ja die
Unmöglichkeit jedes Verstehens und konstruktiven
Umgehens mit

Ausbeutung jüdischen Leidens?

  • Der Konflikt: Der amerikanische
    Politologe Norman Finkelstein hatte in einem
    Gespräch mit der “Berliner Zeitung” vom 29.
    Januar 2000 behauptet, die Jewish Claims
    Conference argumentiere bei den
    Entschädigungsverhandlungen für
    NS-Zwangsarbeiter mit falschen Zahlen und
    Ansprüchen.

    Die Jewish Claims Conference
    hatte sämtlichen Äußerungen
    Finkelsteins widersprochen.

  • Das Buch: Jetzt hat Norman
    Finkelstein seine Thesen in dem Buch “The
    Holocaust Industry – Reflections on the
    Exploitation of Jewish Suffering”
    ausgeführt. Es ist im Verso-Verlag
    (London/New York) erschienen und kostet 16
    Pfund.
  • Der Autor: Finkelstein wurde 1953 in
    New York als Sohn jüdischer Eltern geboren.

    Seine Eltern waren in KZ-Haft, seine übrige
    Familie wurde von den Nazis fast
    vollständig ausgerottet. Finkelstein, der
    in New York Politische Wissenschaften lehrt,
    hatte sich bereits als vehementer Kritiker von
    Daniel
    Goldhagen
    hervorgetan.

dem Holocaust ein zentrales Moment in einer historiografischen Tradition ist, die sich auf deutscher
Seite von Adorno bis zu Henryk Broder und
Dan Diner zieht. Finkelstein geht nicht auf diese deutsche und nicht politisch motivierte Tradition ein, da er sein Buch für eine amerikanische Leserschaft geschrieben hat. “Ich habe mein ganzes Leben hindurch versucht,” sagt er im Gespräch, ” dem Leiden meiner
Eltern einen Sinn zu geben.

Nicht, dass sie für irgendeinen Sinn gelitten hätten, sondern dass es möglich ist, historische Lehren zu ziehen, allerdings nur, wenn man den Holocaust nicht mystifiziert und zu einem außerhistorischen Ereignis macht, sondern wenn man ihn historisch kontextualisiert.”

Aus deutscher Perspektive ist es bedauerlich, dass
Finkelstein nicht weiter auf Konzepte wie Diners
“Zivilisationsbruch” eingeht.

Hier wäre beispielsweise zu überlegen, ob nicht die tiefe Verankerung der
Unvergleichbarkeit und Unverstehbarkeit von Auschwitz, der
“Black Box” in der deutschen Geschichte, wie Diner es nennt, auch aus einem pervertierten deutschen
Erwähltheitsbewusstsein in der Tradition von Hegel und
Fichte (und später wohl auch Adorno) stammt: Wenn ein solches Verbrechen im Land der Dichter und Denker geschehen konnte, in einer Kultur, in der der Humanismus seinen philosophischen Höhepunkt erfuhr, dann

ist es ein monströseres Verbrechen, als wenn andere, weniger zivilisierte Kulturen Völkermord begehen.

Sakralisierte
Erinnerungskultur

Es ist verständlich, dass Finkelsteins besondere
Verachtung denen gilt, die das, was er die “Mythologisierung des Holocaust” nennt, weiter verbreiten, allen voran Elie
Wiesel
, dem “Hohepriester der Sakralisierung des
Holocaust”.

Wiesel, so Finkelstein, sei ein betrügerischer Phantast, dessen Autobiografie teilweise rein fiktiv sei und der sehr bequem davon lebe, das
Mysterium des Holocaust in aller Welt zu verkünden –
“für eine Standard-Gebühr von 25 000 Dollar plus
Wagen und Chauffeur”.

“Die ergreifendsten Holocaust-Memoiren”, sagt
Finkelstein, “sind direkt nach dem Krieg geschrieben worden, von Menschen wie Viktor Frankl und Primo Levi.
Vieles von dem, was nach 1967 kam, war von der Ideologie der
Unvergleichbarkeit beeinflusst, die begann, die Debatte zu dominieren.”

Es fällt Finkelstein leicht, die Absurditäten dieser “sakralisierten Erinnerungskultur” aufzuzeigen, so etwa die Affäre um Binjamin Wilkomirskis
biografische Bruchstücke oder um Daniel Goldhagens Buch
“Hitlers willige Vollstrecker”, zu dessen wichtigsten Kritikern Finkelstein gehörte.

Die Tatsache, dass solche Publikationen ernst genommen werden, sieht Finkelstein als Indiz für das fehlende kritische Denken in einer Kultur, die er als “Dachau meets Disneyland” bezeichnet und die einen ihrer prominentesten Interpretationsträger in Steven
Spielberg gefunden habe.

In der Tat ist Auschwitz längst nicht nur zu einer kulturellen Chiffre für das ultimativ Böse geworden, sondern auch zu einer Touristenattraktion mit
Souvenirs und Reisebroschüren, bei der Brillenberge von
Museen so rekonstruiert werden wie sonst nur
Barock-Interieurs: Der Holocaust ist Handelsware und
Machtbasis, und die Industrie der Kuratoren, Gelehrten und
Interpretatoren hat sich stark etabliert.

Angesichts des internationalen Konferenzbetriebes stellte ein deutscher
Journalist einmal die ironische Frage: “Sagen Sie, gibt es bei Auschwitz eigentlich schon ein Hilton?”

Vieles von dem, was Finkelstein hier vorbringt, ist nicht neu und war von anderen Autoren, unter ihnen Peter Novick,
Raul Hilberg und Tim Cole, in einem ausgewogeneren Ton vorgebracht worden. Dies ist auch der zentrale Kritikpunkt an diesem Buch: Der persönliche
Zorn des Autors verzerrt seine Argumente.

Was im englisch-amerikanischen Kontext ein
überzeichneter Beitrag zu einer längst stattfindenden Diskussion ist, liest sich im deutschen
Kontext wie ein verbaler Anschlag auf die Ultima Ratio der
Bundesrepublik.

Wenn Finkelstein etwa über den Umgang mit Erinnerung schreibt: “Der Holocaust war eine Strategie, jede Kritik an Juden zu entlegitimieren: So eine Kritik konnte nur antisemitisch motiviert sein”, und wenn er dann verlangt, diese “Immunität von aller Kritik” aufzuheben, dann klingt das in Amerika völlig anders als in Deutschland. In den Vereinigten Staaten gilt diese
Kritik einer politisch wichtigen Elite und einem tragenden
Moment von Washingtons Nahostpolitik.

In Deutschland, wo der
Satz nur vor dem Hintergrund gelesen werden kann, dass eben diese Bevölkerungsschicht weitgehend ermordet oder vertrieben worden ist, klingt diese Äußerung wie ein Angriff auf eine Minderheit von Überlebenden.

Leiden der
Menschheit

Finkelsteins Buch hat einen sehr persönlichen
Hintergrund. Wer mit dem Autor spricht, bemerkt bald, wie viele Sätze er mit Formulierungen wie “Meine Mutter sagte immer …” beginnt. Diese Mutter konnte sich geistig nie aus ihrer Lagerhaft befreien, und der Sohn zog daraus eine Lehre: “Die Zeit ist längst gekommen, unsere
Herzen dem Leiden der gesamten Menschheit zu öffnen.
Das ist das, was ich von meiner Mutter gelernt habe. Ich habe sie nie sagen gehört: Du sollst nicht vergleichen.

Meine Mutter verglich immer. Historische Unterschiede müssen ohne Zweifel gemacht werden, aber die moralische
Unterscheidung zwischen ,ihrem” Leiden und ,unserem” ist selbst eine moralische Perversion.”


Norman
Finkelstein’s website: www.normanfinkelstein.com


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Evening Standard, London, attacks
Holocaust Industry | Anthony
Julius on Finkelstein: His people cast aside | Raul
Hilberg on Finkelstein’s The Holocaust Industry |
Berliner Zeitung: Dachau meets Disneyland | New
York Times: A Tale of Two Holocausts


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Source Information
Original Publication: 2000-08-11
Digital Archive: Focal Point Publications
Accessed: June 3, 2026