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Historical Documentation Notice

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Die unbegrenzten
Möglichkeiten der Geschichte

Eine
Versammlung von Holocaust-Leugnern in
Cincinnati — und wie der
Pseudo-Historiker David Irving dort zum
Helden wurde

DIE Nacht ist sommerwarm und schwül, und das hell erleuchtete Boot tuckert den Ohio hinauf, während am Ufer die Zikaden bereits den Beginn des Herbstes begrüßen. Überhaupt scheint sich das Herzland Amerikas seit
Huckleberry Finn nicht sehr geändert zu haben; Leben scheint hier friedlich und wohlhabend; die Welt ist weit weg.

Nur dass der Flussdampfer diesmal eine besondere Gesellschaft mit sich führt, die sich, mitten im seit langem friedlichen Idyll, in den nächsten Tagen hineinsteigern wird in
Wut, Empörung und Paranoia gegen jene, die dieses Idyll in ihren Augen gefährden: die amerikanische
Bundesregierung, die Medien, die Linken, die Juden, die Weltverschwörer.

Die ganze offizielle Geschichtsschreibung —
eine Lüge der Mächtigen, natürlich. Doch sie, die sich für die rechten Wahrheitssucher halten, sie entdecken hier am Ohio wieder einmal die Chance, sich gegenseitig ihre vermeintlichen Wahrheiten mitzuteilen und endlich offen auszusprechen: beim Dinner mit David Irving.

Und vielleicht ist es ja gerade diese schwüle ländliche Sicherheit, die eine ideale Kulisse abgibt für jene dreitägige Convention in
Cincinnati, die sich den vollmundigen
Titel „Real History 2000″ gegeben hat
— Hauptredner und Veranstalter Irving.

Jener David Irving, der vor einem guten halben Jahr vor einem Londoner Gericht eine viel publizierte Verleumdungsklage
gegen die amerikanische Wissenschaftlerin
Deborah Lipstadt geführt hatte. Als „einen der gefährlichsten Vertreter der
Holocaust-Leugnung” hatte sie ihn bezeichnet. David Irving verlor den
Prozess, über den einmal geschrieben wurde, dort werde der Holocaust selbst vor
Gericht gestellt.

Doch dieser Ausgang stört jene
Versammlung nicht allzu sehr, die sich drei Tage lang in einem Flughafenhotel an der Grenze zwischen Kentucky und Ohio versammelt hat; sie wissen natürlich, dass die offizielle Welt gegen sie steht, wie immer. Misstrauisch sind sie also, vorgewarnt wohl auch, dass jemand auftaucht, den sie nicht genau kennen. Die
Presse ist nicht eingeladen, und die erste
Frage lautet: „Sind Sie auch eine von diesen sich selbst hassenden Deutschen?”

Der Veranstaltungsort wird bis zur letzten
Minute geheim gehalten; es könnte
Demonstrationen geben — wie etwa in
Chicago, ein paar Tage vorher, als David
Irving mit ein paar Getreuen beim Essen war. Das Restaurant wurde gestürmt, wie er später auf der Konferenz erzählen wird, voll Empörung
über diese „faschistischen”
Aufrührer. Er, wie alle, sieht sich als Verfolgter, ja als Märtyrer —
was alle noch mehr bestärkt in ihrer
Haltung.

David
Irvings mächtige Gestalt dominiert die Veranstaltung, während sie an seinen Lippen hängen, wenn er spricht, kleine Witzchen macht über jene, die es auf ihn abgesehen haben, jene, die Juden sind gemeint, jeder weiß das. Und sie sind stolz auf ihren Gastgeber, denn so nahe an das, was man legitime Wissenschaft nennt, kommen sie bisher nur durch David Irving —
selbst wenn er schon seit Jahren diskreditiert ist.

Revisionisten nennen sie sich selbst, diese zumeist aus verschiedenen Teilen
Amerikas angereisten Menschen — was den wissenschaftlichen Anspruch ihrer Thesen bekräftigen soll. Dass es den
Holocaust so nicht gegeben habe. Dass
Menschen zwar starben, aber so sei das nun mal im Krieg. Dass es die Gaskammern nicht gegeben habe. Dass Hitler nichts davon gewusst habe.

Holocaust-Leugner werden sie von denen genannt, die sich immer mehr Sorgen machen um den zunehmenden Einfluss, den sie haben. Ein
Einfluss, der sich, befürchten manche, schon subtil in den amerikanischen
Universitäten breit macht, der durch rechtsradikale Publikationen wie den
Journal of Historical Review oder den
Barnes Report in pseudowissenschaftlicher
Verkleidung in die Welt getragen wird.

Dies sind keine grölenden, dumpfen
Neonazis oder Skinheads. Ihre extremen
Ansichten verbergen sich hinter gutbürgerlichen Gebahren,
Geschäftsleute sind darunter,
Computeringenieure, brave Angestellte,
Militärs a.D; viele
Deutschstämmige, man hört es am
Akzent, auch Germanophile; und nicht alle, meint ein langjähriger Beobachter des
Simon-Wiesenthal
Centers
, sind unbedingt bewusste
Antisemiten.

Mancher
Teilnehmer hat sich von diesem seriösen Auftreten täuschen lassen, wie jener Anwalt und
Hobbyhistoriker aus dem Midwest,
[Mark
Antonacci,
links] der
über seine Theorien über das
Turiner Grabtuch reden soll und entsetzt ist, als er erkennt, wo er da hineingeraten ist.

Wie jener junge Mann, der zunächst wieder abreisen will und dann doch über britische Diplomatie am Vorabend des Weltkrieges spricht — und seinen Vortrag in einer Eloge auf
Winston Churchill beendet, bewusst und zornig, denn Churchill gilt jenen wie
Irving als kriegstreiberischer
Bösewicht.

Und damit haben er wie andere genau das getan, wonach sich die
„Revisionisten” so sehnen: zu diskutieren. Die Thesen gleichwertig nebeneinander zu stellen. Die
Revisionisten wollen ernstgenommen werden im wissenschaftlichen Diskurs, ihre
Version der Geschichte als
„Gegen-Erzählung” publik zu machen.

Den echten Historikern haben sie einen Namen gegeben, so, als ob es sich einfach um Vertreter einer anderen
Denkschule handeln würde:
Exterminationisten. „Den
Holocaust-Leugnern geht es nicht um heute oder morgen”, sagt der Mann vom
Wiesenthal-Center, „denen geht es darum, wie Geschichte in hundert Jahren erzählt wird. Wenn keine Zeitzeugen mehr da sind, wenn keiner mehr dabei war, um zu berichten, wie es wirklich war.”
Wenn also ihre Variante zumindest als
Möglichkeit akzeptiert wird.

Und genau das sei es, was Holocaust-Leugner langfristig so gefährlich macht.

Holocaust-Leugner gibt es in Europa zuhauf, doch in den meisten Ländern macht sich strafbar, wer zum Rassenhass aufruft. In Deutschland ist, aus gutem
Grund, auch die Auschwitz-Lüge verboten. In Amerika, land of the free, darf nach dem First Amendment, dem ersten
Verfassungszusatz, auch solches ausgesprochen werden. Man ist stolz auf diese Freiheit. So stolz, dass man selbst solche für Europäer erschreckende Sätze und Meinungen hinzunehmen bereit ist wie jene bei
„Real History”.

Und so überzeugt von der Richtigkeit, dass der Autor und Journalist John
Sack
zum gemeinsamen Abendessen eine ironische Ansprache hält über
„die Wissenschaft der Ignoranz”. John
Sack sagt selbst, dass er als token Jew, als „Vorzeigejude”, geladen ist, und er hört sich die Redner an, die mittels wirrer chemischer Befunde nachzuweisen versuchen, dass es in
Auschwitz
keine Gaskammern gab.

Er tut das, weil er an die unbedingte Freiheit des Wortes glaubt, auch wenn er „die Meinung dieser Leute nicht teilt”. Noam
Chomsky
hat vor vielen Jahren einmal etwas Ähnliches getan, getrieben durch denselben uramerikanischen Glauben, als er ein Vorwort für den rechtsradikalen französischen
Holocaust-Leugner Robert Faurisson
schrieb. Und so sagt nun John Sack, man solle doch anhören, wie es Germar
Rudolf
ergangen sei, dort, in
Europa.

„Germar Rudolf jagen” heißt dessen Vortrag, angekündigt als
„die Angst einflößende
Erfahrung, sich als Ziel einer orchestrierten europäischen
Menschenjagd wiederzufinden”. Germar
Rudolf ist in Deutschland verurteilt worden, als ein unverbesserlicher Neonazi und Auschwitz-Lügner; er hat, in der
Tradition eines Fred Leuchter,
„wissenschaftlich” die Gaskammern geleugnet.

In Cincinnati stilisiert er sich zum Unschuldigen, dem ein
Unterdrückerregime alles genommen hat, Arbeit, Familie, Leben. Ein
Märtyrer ist er hier, wie David
Irving, wie sich alle hier ein wenig fühlen, und nach gut amerikanischer
Sitte wird spontan eine Spendenaktion ins
Leben gerufen für diesen Mann, den verfolgten Wissenschaftler. Nach
Wissenschaft lechzen sie alle hier, jeder noch so absurde Beweis genügt ihnen für das, woran sie unbedingt glauben wollen.

Eine Minderheit sind solche wie diese auch in Amerika; sie werden beobachtet, nicht aber verfolgt. Glücklich, aber vielleicht nicht zufälligerweise, ist dieses Land, das sich eine solche Freiheit tatsächlich leisten kann.

PETRA
STEINBERGER

If somebody will provide a translation we will correct it and post it.

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Source Information
Original Publication: 2000-01-01
Digital Archive: Focal Point Publications
Accessed: June 4, 2026