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Historical Documentation Notice

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Zehms
propagandistisches Mitwirken
in der Form einer
vorbehaltlosen
Sympathie-Erklärung
für David Irving
gefährdet die Reputation
der
Universität.[East
German professor under fire for supporting
Mr Irving]
[geändert
hat sich wenig]Zehm ist Gefahr
für Reputation der Universität

Gespräch
mit Gottfried Meinhold,
Professor für Phonetik und
Sprechwissenschaft an der
Universität Jena

In einem Brief an
Ministerin Schipanski
distanziert sich das Institut für
Germanistische Sprachwissenschaft gegenüber
Professor
Günter Zehm
. Aus welchem
Grund?

Das Ministerium für Wissenschaft,
Forschung und Kunst hatte in der Presse mitgeteilt, dass es die
Meinungsäußerungen von Prof.
Dr. Günter Zehm nicht teile und dass es auch die von ihm gewählten
Publikationswege für nicht angemessen halte. Mit ähnlich schonungsvollen
Formulierungen distanzierte sich auch der
Rektor. Wir hielten es für sinnvoll, dass aus der Universität auch energischere Stellungnahmen hervor gehen, die engagierter sind und auf deutlichere
Wertung abzielen.

Wir haben auf die
Sympathie Zehms für Holocaust-Leugner bzw. eine den Nationalsozialismus entlastende Geschichtsdeutung hingewiesen.
Zehms propagandistisches Mitwirken in der
Form einer vorbehaltlosen
Sympathie-Erklärung für David
Irving
gefährdet die Reputation der Universität. Wir haben eine große Zahl ausländischer
Studierender, und wünschen nicht, dass diese Jena in Zukunft aus solchen
Gründen meiden.

Dies veranlasste den
Institutsrat, sich nachdrücklicher zu distanzieren und eine kritischere Position kenntlich zu machen. Wir wollen auf das
Gefahrenpotenzial aufmerksam machen, das von solchen Ideen und ihrer Duldung ausgeht. Duldung meint hier das Ausbleiben entschiedener Zurückweisung.

Wie reagierte das
Ministerium?

Der Brief hat das Ministerium allerdings nicht erreicht. Er ist
über den Dekan zusammen mit anderen
Mitteilungen im Zuge der Berichterstattung zu Fragen des Radikalismus und
Rechtsextremismus in Thüringen an die
Landesregierung behandelt und somit in einen Gesamtbericht verarbeitet worden.

Welche Gefahren gehen von Lehrenden wie Professor Günter Zehm aus?

Seine Huldigung für David Irving, und zwar mit dem Beitrag, den er in der
Irving-Festschrift publiziert hat, schließt ja wohl die Billigung der
Position Irvings ein. Als
Holocaust-Leugner ist Irving für rechte Kreise ein wichtiger
Kondensationskern. Solch eine
Kondensations- oder
Kristallisationswirkung geht schließlich auch von Zehm aus. Er wirkt als Katalysator für derartige
Meinungsbildung und Bewertung, also
Anzweiflung oder Leugnung des Holocausts.

Darüber sind viele
Universitätsangehörige fassungslos. Ich kenne Herrn Zehm längere Zeit. Rechtsextreme
Positionen hätte ich bei ihm nicht erwartet. Deshalb hat mich seine Sympathie für Irving schockiert.

Bei der Veranstaltung “Pankraz trifft seine Leser” in der FSU Jena sollte sich Zehm Fragen des Publikums stellen.
Wurden Ihre Befürchtungen durch Zehms
Auftritt bestätigt?

Zehms lobende
Worte für Irving bei der
Veranstaltung im Februar riefen bei mir
Aversion und Entsetzen hervor. Er
bezeichnete Irving dort als
interessanten Wissenschaftler,
gewissermaßen als
“Spürhund”, der wichtige neue
Fakten aufdeckt. Daraus kann man ja
wohl nur die Billigung von Irvings
Holocaust-Leugnung ableiten.

Was man
aus den “Pankraz”-Texten – vor allem
Irving betreffend – erst durch logische
Schlussfolgerungen erschließen
muss, trat also an diesem Abend durch
Zehms beinahe unbedarft anmutendes
Eingeständnis offen zu Tage. Zehm
hält Irving für einen
ehrenwerten Mann, für einen
honorigen Wissenschaftler. Insofern
erweckt er den Eindruck, vorbehaltlos
die Position eines rechtskräftig
verurteilten Holocaust-Leugners zu
akzeptieren.

In einem “Pankraz”-Text
hat Zehm geäußert, es
gäbe so etwas wie eine
Nötigung, an den Holocaust zu
glauben. Wer das nicht täte,
würde bestraft. Fakten von solcher
Evidenz wie die des Holocausts, das
Geschehen in Konzentrationslagern, sind
aber sicherer Wissensbestand. Wer
diesen in Zweifel zieht und zur
Glaubens- bzw. Ansichtssache macht,
bekräftigt ein Denken, das
Nazi-Verbrechen generell leugnet oder
auf ihre Umwertung gerichtet
ist.

Obwohl Zehm seit 1975 den “Pankraz” im
“Rheinischen Merkur” und in der “Welt” veröffentlicht, waren Sie maßgeblich daran beteiligt, ihn als
Honorarprofessor an die FSU zu holen. War eine solche Entwicklung nicht abzusehen?

Sie war für mich überhaupt nicht absehbar. Meine Rolle in dem
Zusammenhang ist eigentlich nur die der
“Initialzündung”. Ich war die erste
Kontaktperson von Günter Zehm hier in
Jena. Er hat mir als dem damals zuständigen Prorektor geschrieben.
Bei einer universitätsgeschichtlichen
Tagung 1991 lernten wir uns persönlich kennen. Danach kam es zur
Verbindung mit dem Philosophischen
Institut.

Nachdem er dort einige Jahre erfolgreich als Lehrbeauftragter gearbeitet hatte, wurde für ihn eine
Honorar-Professur beantragt. Er war akzeptiert, und es gab – meines Wissens –
nicht den geringsten Anlass zur Besorgnis wegen problematischer ideologischer
Orientierungen. Die “Pankraz”-Texte der
70er und 80er Jahre boten, so weit ich sie kannte, keinen Grund für Vorbehalte.
Seit 1999 wusste ich allerdings von seinem
Kontakt zur “Jungen Freiheit”.

Entscheidend war für mich letzten
Endes vor allem die Kenntnis der Nähe zu Irving; als ich davon erfuhr, war ich in der Tat entsetzt.

Professor Klaus-M.
Kodalle
und Professor
Gottfried Gabriel
haben sich bei der “Pankraz”-Veranstaltung schützend vor Zehm gestellt. Wie ist die Haltung des Instituts für
Philosophie zu bewerten?

Die kollegiale Zuwendung ist zunächst einmal grundsätzlich verständlich. In solchen
Konfliktsituationen ist es immer schwierig, einen Kompromiss zwischen
Kollegialität einerseits und kritischer Sichtweise andererseits zu finden. Allerdings hätte man sich da eine glücklichere Vorgehensweise gewünscht. Es ist niemandem verborgen geblieben, dass diese Veranstaltung insgesamt eine eher traurige Vorstellung war, weit entfernt von einem produktiven
Diskurs.

Mit Verweis auf seine Verhaftung
1957 sieht sich Zehm als Opfer der
Political Correctness.

Im Herbst 1990 hat er mit unserer
Universität Kontakt aufgenommen. Als ein Opfer des Stalinismus war er ein wichtiger Rehabilitationsfall. Zehm hat in den 50er Jahren sehr viel Mut bewiesen, indem er sich als Schüler von Ernst
Bloch gegen die Zerstörung der
Philosophie durch ideologische und politische Repression und Anpassung an die marxistisch-leninistische Ideologie aufgelehnt hat. Das ist zunächst einmal bewundernswert und eine tapfere
Leistung.

Auf der anderen Seite kann man den Widerstand von damals nicht mit seiner
Haltung gegenüber Irving und anderen rechts gerichteten Orientierungen in
Verbindung bringen. Es wäre sogar demagogisch, hierbei einen Zusam- menhang herzustellen oder Ähnlichkeiten zu sehen.

Das eine ist eine mutig und tapfer vertretene Position im Kampf um geistige
Pluralität und Freiheit, das andere ist eine verhängnisvolle Ermutigung von Kräften, die letztlich geistige und kulturelle Pluralität und schließlich auch Demokratie zerstören wollen.

Wie weit dürfen
Wissenschaftsfreiheit und Meinungsfreiheit gehen?

Die Vokabel Wissenschaftsfreiheit ist auf die Texte Zehms in der
“Pankraz”-Kolumne überhaupt nicht anwendbar. Mit solchen
Äußerungen befindet er sich jenseits von Wissenschaft, und somit von
Wissenschaftsfreiheit. Doch
Holocaust-Leugnung bzw. -Anzweiflung bewegt sich unserer Ansicht nach auch nicht innerhalb der Toleranzen der allgemeinen Meinungsfreiheit.
Es handelt sich um eine strafbare Handlung.

Meinungsfreiheit erstreckt sich nicht auf die Leugnung geschichtlicher
Grundtatsachen nazideutscher Vergangenheit oder den Zweifel daran. Das Anzweifeln dieser Sachverhalte arbeitet aber einer
Reanimation von nationalsozialistischen
Haltungen und Gedanken und somit rechtsradikalen Positionen zu. Eine gewissenhafte Folgeabschätzung ist daher bei solchen
Meinungsäußerungen unverzichtbar.

Gespräch: Constanze Alt

Source Information
Original Publication: 2001-04-21
Digital Archive: Focal Point Publications
Accessed: June 3, 2026