AR-Online logo 

 

 

Posted Sunday, September 13, 1998


 

Das KZ Majdanek: Wahn und Wirklichkeit

Frankfurter Allgemeine Zeitung,
7. September 1998, Seite 45

 

Hystorie

Wilkomirskis Erinnerung

 

ICH BIN aufgewachsen und groß geworden in einer Zeit und in einer Gesellschaft, die nicht zuhören wollte oder konnte." Der das schrieb, der Schweizer Musiker Binjamin Wilkomirski, behauptet aber noch mehr: seit seiner Schulzeit habe man ihn „zum Schweigen bringen wollen" und versucht, seine „Erinnerungen zu löschen. 1995 veröffentlichte er ein Buch, in dem er endlich die Tatsachen, die ihm seine Adoptiveltern ausreden wollten -- seine ersten Lebensjahre in der Hölle des Lagers' Majdanek -- ans Licht bringen wollte: „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939--1948".

Das Buch ist ins Gerede gekommen. Der Schriftsteller Daniel Ganzfried hat in den letzten Wochen anhand behördlicher Dokumente den Nachweis geführt, daß es sich bei Wilkomirski um Bruno Doesekker handelt, der am 12. Februar 1941 als uneheliches Kind in der Schweiz geboren wurde. Auch Wilkomirski gesteht in seinem Buch zu, daß die Dokumente in seinem Fall anders lauten: „Aber dieses Datum stimmt weder mit meiner Lebensgeschichte noch mit meinen Erinnerungen überein. Ich habe rechtliche Schritte gegen diese verfügte Identität eingeleitet."

Wilkomirskis Geschichte ist ein Albtraum. Die Menschen erscheinen in Umrissen oder Fragmenten, da eine Uniform, dort ein Stiefel, hier ein Arm. Kaum jemand in diesem Buch hat ein Gesicht. Berichtet werden Horrorszenen, die nicht mehr zu steigern sind. Ein Mann lächelt das Kind an, „doch plötzlich verzerrt sich sein Gesicht, er wendet sich ab, er hebt seinen Kopf nach oben, reißt den Mund auf, wie zu einem gewaltigen Schrei. Von unten, gegen den hellen Himmel, sehe ich nur noch die Konturen seines Kiefers und den Hut, der ihm nach hinten rutscht. Kein Schrei kommt aus seiner Kehle, aber ein mächtiger, schwarzer Strahl schießt aus seinem Hals, als das Gefährt ihn krachend an der Hauswand zerquetscht." Solcher filmgerechten Gräßlichkeit den Glauben zu versagen, wenn sie mit dem Anspruch historischer Wahrheit auftritt, erfordert einen Mut, den 1995, als das Buch erschien, nur wenige aufbrachten. „Die Schilderungen exzessiver Grausamkeiten wirken", so schrieb damals Eva-Elisabeth Fischer, „wie die auf der Couch eines Psychoanalytikers rekonstruierten Albträume eines Traumatisierten."

Ihre Vermutung hat sich inzwischen bestätigt. Von Wilkomirskis Verleger war zu erfahren, daß die Fragmente zum Teil in psychotherapeutischen Sitzungen zustande kamen, nach der dubiosen Methode der „Wiedergewonnen Erinnerung", die seit den frühen neunziger Jahren in England und den Vereinigten Staaten von Trauma-Lobbyisten allenthalben praktiziert wurde.

2.

Dazu erschienen Anleitungen, sich des sexuellen Mißbrauchs zu erinnern, den man angeblich als Kind erlebt und dann verdrängt hatte, der satanischen Rituale, denen man dabei ausgesetzt war oder gar der Entführung durch Ufos.

Die Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter hat sie jüngst als Wellen von ,,Hystorien" gesammelt und beschrieben. Die Betroffenen berichten übereinstimmend, Opfer furchtbarster Traumatisierungen zu sein, diese aber später durch Gehirnwäsche vergessen zu haben, bis sie sie schließlich mit Hilfe einer psychotherapeutisch gestützten Technik der Tiefenerinnerung wiedergewinnen konnten.

Gleich mehrfach findet sich in „Bruchstücke" beschrieben, wie der Autor seiner eigenen Stimme zuhört, als sie das Gegenteil von dem sagt, was er ausdrücken wollte: „Ich hörte mich reden, als ob jemand anderer in mir redete." „Diese fremde Stimme!", so fällt er sich einmal ins Wort, „Oder war das doch meine Stimme?" Irgendwann, so scheint es, haben die Stimmen in Bruno Doesseker sich zu einem Kurzschluß-Pakt entschlossen. Es war die Geburtsstunde von Binjamin Wilkomirski.

Es kommt aber etwas hinzu, was das Urteil erschwert: tatsächlich gibt es unter den Überlebenden der Lager Kinder ohne Identität. Bisher hat ihre Organisation Wilkomirski als den Sprecher ihrer Anliegen betrachtet; inzwischen neigt man in der ,‚Kontaktstelle für Kinder Überlebender der Judenverfolgung des Naziregimes, Schweiz" zu einer vermittelnden Position. Danach soll es sich um eine Mischung von Wahrheit und Fiktion handeln, bei der in die Bruchstellen der Erinnerung „Bilder reingerutscht" seien, die nicht dem wirklich Erlebten entstammen. Mit dieser Erklärung wird man sich nicht begnügen können. Verantwortungslos handelt, wer postmodernen Fünftelwahrheiten den gleichen Rang einräumt wie den authentischen Zeugnissen von Primo Levi oder Ruth Klüger.

„Ich konnte", so Wilkomirski an einer Stelle seines Buches über sein Leben in der Schweiz der Nachkriegszeit, „der unerträglichen, fremden Gegenwart nur entfliehen, indem ich in die Welt und zu den Bildern meiner Vergangenheit zurückkehrte". Vielleicht ist damit schon alles gesagt. Dann stand am Anfang seiner Geschichte der Ekel vor dem gesicherten Leben, der begründet sein wollte: Dann mußte die Lehrerin an eine KZ-Aufseherin erinnern, der Skilehrer an den Henker, die Schießbuden auf dem Rummelplatz an Auschwitz und Wilhelm Tell an die SS. Und noch einmal die grauenvolle Steigerung: die Geburt des eigenen Sohnes wird mit dem Bild einer Ratte im Leichenberg kon-frontiert, Hier wird das Buch zum bösen, infamen Kitsch. Kein Vater, was immer er erlebt hat, darf seinem Sohn diese Asso-ziation aufbürden.

„Die Erwachsenen -- sie alle haben mich angelogen. Am besten ist, ihnen nicht mehr zuzuhören", heißt es einmal. ,,Ich verstand nicht, was sie sagten -- ich wollte nicht verstehen." Vielleicht sind dies die Stellen, an denen Binjamin Wilkomirksi der Wahrheit am nächsten kommt.

LORENZ JÄGER

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. September 1998

Keine Prüfung: Suhrkamp bleibt bei ,, Wilkomirski"

WEITERHIN UNKLAR bleibt das Verhältnis von Fakten und Fiktionen in dem Buch Bruchstücke" des schweizerischen Musikers Binjamin Wilkomirski, mit bürgerlichem Namen Bruno Doessekker. Seiner Behauptung, er habe als Kind mehrere Vernichtungslager überlebt und sei später in der Schweiz zum Vergessen genötigt worden, war in den Recherchen von Daniel Ganzfried widersprochen worden: Danach sei er 1941 als uneheliches Kind in der Schweiz zur Welt gekommen und später adoptiert worden (F.A.Z. vom 7. September). Wilkomirski hatte es daraufhin den Lesern freigestellt, sein Buch als reine literarische Fiktion zu verstehen. Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland hatte in der vergangenen Woche gefordert, die Faktenlage müsse "ohne Wenn und Aber" vom Verlag überprüft werden. Nachdem der Suhrkamp-Verlag zunächst eine Prüfung der Vorwürfe ankündigte, stellte er nun fest: „Es ist nicht Aufgabe des Verlages, diesen Widerspruch aufzulösen." Man habe, so teilte Siegfried Unseld am Montag mit, bereits im Nachwort der „Bruchstücke" auf die Diskrepanz „von erinnerter und juristischer Identität des Autors" verwiesen.   

LORENZ JÄGER

Our opinion
David Irving once commented, in response to a query about the "eye witnesses", that many of them were surely of interest for a psychiatric study. For this remark he was subjected to public obloquy. More and more stories such as that of Wilkomirsk are now coming under scrutiny, however.

The above news item is reproduced without editing other than typographical

 Register your name and address to go on the Mailing List to receive

[ Go back to AR Online Index | Index to AR.#14 | Go to Main Action Report Index ]

Order books | Auschwitz Index | Irving Index | Irving Page | Irving Book-List | Other FP Authors
Buchladen | Auschwitz | Irving-Verzeichnis | -Hauptseite | -Bücher | Weitere FP-Autoren
© Focal Point 1998 write to David Irving